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„Bei Nahrungsmitteln rechne ich immer mit Überraschungen.“

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„Bei Nahrungsmitteln rechne ich immer mit Überraschungen.“

Interview mit Christopher Mick, Foodfotograf

Quelle: Christopher Mick
Christopher Mick

Wie wurden Sie Food-Fotograf und was fasziniert Sie an diesem Bereich?

Eigentlich hat mich ein Kunde in die Food-Richtung gelenkt. Ein großer Lebensmittelhersteller suchte nach einem neuen Fotografen für die Verpackungen seiner Eigenmarke. Ich wurde dorthin empfohlen und so entstand eine bis heute dauernde kreative Verbindung. Darüber hinaus lernte ich nach und nach Köche und Stylisten kennen und so wurde das Food-Thema immer interessanter für mich. Zu meiner Überraschung wurde ich irgendwann auch gefragt, ob ich Maschinen und Produktionsanlagen on location fotografieren wolle. Da meine Kunden beträchtliche Summen in ihre Anlagen investieren, um neue Standards zu erreichen, wollen sie das natürlich auch werblich kommunizieren. Also begann ich Backstraßen, Siloanlagen und Kartoffelwaschmaschinen zu fotografieren. Die andere, für den Konsumenten unsichtbare Seite von Lebensmittelprodukten. Ehrlich gesagt bin ich immer wieder fasziniert von den Dimensionen solcher Anlagen und von den Ideen, die dahinter stecken. Ohne HighTech läuft heute nichts mehr – egal ob in einer Slowfood-Backstube, die sich fast CO2 neutral mit Energie versorgt oder in einer riesig großen HighTech Produktionsanlage für Paniermehl. Der Fotograf muss in all dem Gewirr aus Informationen seinen Standpunkt finden und mittels Licht und Perspektive das Thema des Bildes ganz klar herausstellen. Eigentlich ist die Arbeit im Fotostudio ähnlich. Hier sind zwar die räumlichen Dimensionen das totale Gegenteil, aber dennoch wird beispielsweise bei einem Verpackungsfoto ein kleines Basilikumblatt einige Male verschoben bis die Wahrnehmung des Käufers optimal beeinflusst wird. Hier wird um jedes Detail gekämpft, bis das Bild sitzt.


Was unterscheidet das Fotografieren von Food von anderen Themenbereichen?

Food lebt und verändert sich. Wer das nicht bedenkt, wird bei der Planung seiner Bilder in Schwierigkeiten kommen. Ein Rasierapparat oder ein Auto wartet, bis ich mein Licht gesetzt habe, aber ein Saucenspiegel auf einem Teller hat sich nach einer Weile des Wartens beleidigt zurückgezogen und traurige Ränder hinterlassen. Hier sind wir auch beim Thema Foodstyling angelangt. In der Regel arbeite ich mit einem Foodstylisten zusammen. Ich bin häufig dankbar für das Produktwissen, das der Stylist mit in den Job bringt. Die Zubereitungsarten von mir zum Teil fremden Lebensmitteln sind so unterschiedlich wie ihre Kombinationsmöglichkeiten. Da stimmt man sich vorher ab oder lernt eben spontan dazu.

 
 
Quelle: Christopher Mick

Obwohl wir heute in der Lage sind fast jedes Lebensmittel zu besorgen, passiert es immer wieder, dass genau zum Zeitpunkt eines Shootings etwas nicht erhältlich ist. Mir ist das mit frischen Kirschen für ein Eiskremshooting im Januar vor ein paar Jahren passiert. Der Stylist hat mich gerettet, indem er in seiner Tiefkühltruhe zuhause gegraben hat und mir die traumhaft schönen roten Früchte mit einem Schmunzeln überreichte – die waren so perfekt, dass er sie damals einfrieren musste und dort lagen sie im Dornröschchenschlaf bis der Prinz sie geweckt hat!


Mit welcher Technik arbeiten Sie im Studio und on location?

Im Studio oder on location arbeite ich immer mit der Fachkamera, wenn es sich um ein Stilllife handelt oder ein generell unbewegtes Motiv, für das ich genügend Zeit habe. Die Schärfe kann so am besten kontrolliert werden und meine Food-Motive haben in der Regel keine Beine. Bin ich in Restaurants oder auf der Straße oder auf einer Wiese mit Menschen muss ich dynamisch agieren. Da ist die Spiegelreflex die erste Wahl. Ebenso die Lichttechnik. Im Studio wird solange am Licht gefeilt, bis die Komposition stimmt. On location muss ich das vorhandene Licht erst einmal einschätzen und dann mit portablem Licht ergänzen. Das ist immer spannend, weil man sehr viel spontaner sein kann als im Studio. Bei laufendem Betrieb beim Kunden kann man nicht einfach ein paar Lampen ausschalten, entweder weil dann der halbe Betrieb steht oder weil es einfach technisch nicht ohne weiteres machbar ist. Hier hilft dann häufig nur die Bildnachbearbeitung, was aber auch nicht unkreativ ist.


Wie inszenieren Sie Nahrungsmittel vor der Kamera?

Jedes Mittel ist recht, die speziellen Eigenschaften zur Geltung zu bringen. Alles was Sie über die Tricks bei der Foodfotografie gehört haben ist wahr, aber dies bezieht sich hauptsächlich auf das Styling. Als Fotograf stehe ich mich einer bestimmten Aufgabe gegenüber und diese muss ich erfüllen. Wenn ein einfaches Produkt wie einen Hamburger als Megastar darstellen will, sollte ich als erstes die entsprechende Perspektive wählen und mein Modell mit den frischesten Zutaten ausstatten und für ein gleißendes Licht sorgen. Wie würden aber Megastar-Erbsen aussehen, wenn dies meine Aufgabe wäre? Jedes Nahrungsmittel bedarf einer neuen Überlegung. Es gibt eben mehr Rezepte als Lebensmittel.


Welche Rolle spielt die Nachbearbeitung?

Im Bereich Packaging wird heute praktisch jedes Bild bearbeitet. Farben werden verstärkt oder korrigiert. Freisteller werden gemacht und Bildbestandteile ausgetauscht oder neu angeordnet. Der effizienteste Weg ist aber immer noch ein gutes Layout und dann das Bild in einem Schuss zu machen und bereits während der Aufnahme digital zu bearbeiten. Der Kunde sieht sein fertiges Bild noch während des Shootings. Im Layout hat man somit Produktionssicherheit.


Welche Nahrungsmittel bereiten die größten Herausforderungen bei der Fotografie?

Für mich persönlich ist es Schokolade. Faszinierend, nicht nur weil sie so lecker ist ... Das Handling ist sehr anstrengend. Bier ist ebenfalls eine Herausforderung, aber der stelle ich mich gerne und das meine ich rein fotografisch. Eiskrem sollte hier auch unbedingt aufgeführt werden. Doch eigentlich sind es immer die Nahrungsmittel die uns Kopfzerbrechen machen, welche sich anders darstellen, als wir erhofft haben. Da ist plötzlich eine Sehne im Fleisch oder die Krume löst sich vom Brot. Die Früchte im Prototyp sind kleiner als in der späteren Ernte-Version oder der Wellenschnitt der TK-Möhren ist aktueller als die vorliegenden Klingen in der Studioküche. Also ehrlich – Herausforderungen hat man genug. Bei Nahrungsmitteln rechne ich immer mit Überraschungen.

 
 
Quelle: Christopher Mick


Wie hat sich die Food-Fotografie in den letzten Jahrzehnten verändert?

Ich kann noch nicht von so viel Jahrzehnten berichten, aber ich denke, es ist aus manchen Gründen leichter geworden ein gutes Bild zu erzeugen. Heute kennt der Verbraucher viel mehr Nahrungsmittel als vor Jahren. Kochshows und Magazine haben Wunder gewirkt. Vor zwanzig Jahren musste man noch erklären, warum ein Produkt überhaupt gut oder sogar nützlich ist. Heute muss ein Produkt einfach da sein und sich mit dem ihm gegebenen Mitteln behaupten. Dazu benötigt es ein Image und ein Bild, aber keine großen Erklärungen.
Ebenso hat sich die Drucktechnik massiv verbessert und die Fotografen haben sehr viel Freiheit bekommen mit der Schärfe zu spielen. So kann ein relativ unscharfes Bild mit ausgerissenen Lichtern heute gedruckt werden und dennoch anmutig oder „livig“ wirken.
Diese Technik der Unschärfe führt auch dazu, dass man das Umfeld des Produktes oder den Hintergrund nicht mehr mit aufwendiger Requisite ausstatten muss und diese ebenfalls ausleuchten muss. In der Unschärfe verschwimmt so manche ansonsten träge Information, und so ist man schneller am Ziel. Zeit- und Kostenersparnis und weniger überflüssige erklärende Information für den Betrachter. Soweit so gut, aber werden die Bilder nicht auch immer ähnlicher? Ich bin mir sicher, dass uns schon bald eine neue Mode ins Haus steht. Superscharf zum Anfassen!


Wer sind Ihre Kunden und wie wickeln Sie die Aufträge ab?

Ich arbeite im Foodbereich für Handelshäuser, Lebensmittelhersteller, Packaging-Designer und Magazine. Im Bereich Food-Technologie werde ich von Lebensmittelherstellern, Anlagenbau-Unternehmen und Logistikunternehmen beauftragt.
Food-Technologie ist oft erklärungsbedürftig, so dass ich immer einen kompetenten Mitarbeiter an meine Seite gestellt bekomme. Vor dem Shoot steht häufig fest, was und in welcher Reihenfolge fotografiert wird. Der Zeitdruck ist häufig enorm, da die Maschinen entweder ausgeliefert werden müssen oder die Produktion extra für den Fotografen unterbrochen wird. Zwei bis drei Tage kann so ein Shooting dauern, was sich aber rechnet, da die Menge an verwertbaren Bildern überproportional steigt.

 
 
Quelle: Christopher Mick

Stichwort Food-Technologie: Wie kann man Maschinen schön fotografieren?

Indem man die Maschine für den Betrachter zugänglich macht.
Was tut sie? Was kann sie besser als andere? Was fällt dir auf?
Die Blicke lenken auf das Wesentliche und ruhig etwas die Grenzen überschreiten.
Für den Maschinenhersteller Gerd Gillenkirch habe ich Maschinen auf Äcker im Nebel gestellt. Das wirkt sehr emotional und hat auch für eine große Aufmerksamkeit auf der InterFruit 2009 in Berlin mitten in der Wirtschaftskrise gesorgt.


Wie sieht die Zukunft der Food-Fotografie aus?

Wir werden immer sehen wollen, was wir essen. Das ist ein Kontrollmechanismus tief in uns. Das Auge isst mit. Die Food-Fotografie wird die Entwicklung der Nahrungsmittel und der angeschlossenen Industrie begleiten – ganz egal, wohin sie sich entwickelt.
So wie der Geschmack oder die Aufmachung eines Produktes uns reizt, so werden uns die Food-Fotos verführen, unsere Aufmerksamkeit für einen entscheidenden Moment auf genau jene leckere Köstlichkeit zu lenken, die wir soeben erblickt haben.

Interview: Ralph M. Bloemer, InterMopro.de

 
 

Zur Person:

Christopher Mick (47) lebt in Essen, hat Kommunikationsdesign studiert und betreibt ein eigenes Foto-Studio in Düsseldorf-Unterbilk. Selbstständig seit 1996, zunächst als Art Director und Fotograf tätig, seit ein paar Jahren ausschließlich als Fotograf. Schwerpunkte: Food und Food-Technologie.

 
 
 

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