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Rezension: „Terra Madre“ von Carlo Petrini

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Rezension: „Terra Madre“ von Carlo Petrini

Die deutsche Übersetzung dieses bemerkenswerten Buches stand schon länger aus. 2009 bereits auf Italienisch erschienen, umreißt der Slow Food-Gründer hier seine politische und ökonomische Philosophie der Nahrung. Für Petrini sind die multinationalen agro-industriellen Konzerne Überheber unserer Entfremdung von den Grundlagen unserer Existenz. Er holt allerdings noch weiter aus: Achtung vor Flora und Fauna gehört ebenso zu seinem Programm wie die Achtsamkeit und Wertschätzung im Umgang mit Traditionen und deren Vertreter, sprich: den älteren Generationen, die den Jüngeren viel zu geben haben.

Am Beispiel Nahrung erklärt Petrini die Zusammenhänge von Konsumismus mit Fehlentwicklungen in der modernen Gesellschaft. Je weiter wir uns von den Produktionsprozessen entfernen und damit Wissen und Verantwortung abgeben, umso mehr sind wir der Habgier und Machtsucht von Managern und Politikern ausgeliefert. Als Gegenmodell entwirft Petrini die Lebensmittelbündnisse, in denen sich auf lokaler Ebene Erzeuger und Nutzer der Erzeugnisse (den Begriff „Verbraucher“ lehnt Petrini verständlicherweise ab) abstimmen und für eine gesunde und nachhaltige Ernährung sorgen. Dadurch werden die Konsumenten zu „Co-Produzenten“, die Einfluss nehmen auf die Herstellung der Nahrung und deren Verbreitung. Dies ist ein revolutionärer Ansatz, der einerseits archaische Züge trägt, andererseits ein zukunftsweisendes Modell birgt für eine postindustrielle Gesellschaft.

Die vielen kleinen Nahrungsbündnisse können in der Masse ein hohes Potenzial entwickeln und der Standardisierung unserer Nahrung entgegen wirken. Durch die Erhaltung alter Sorten und Rassen (Biodiversität) sowie Gebräuchen in der Landwirtschaft wird der Natur weniger Schaden zugefügt; Monokulturen, Pestizide und synthetische Dünger könnten damit der Vergangenheit angehören. Die Finanzkrise 2008 hat gezeigt, dass auf die Mächtigen in Politik und Wirtschaft kein Verlass ist. Für die teilweise schädliche Entwicklungshilfe stehen relativ geringe Mittel zur Verfügung. Wenn aber kriminelle Machenschaften von Banken die Welt mit Bankrott bedrohen, dann werden von der Politik Billionen bereit gestellt. Daran macht Petrini seinen Aufruf zum Umdenken fest: Das Geld muss wieder „geerdet“, d.h. realen Werten zugeordnet werden. Die Rettung von Leben erscheint da als das höchste Gut, wenn heute schon rund 1 Milliarde Menschen hungern müssen und jährlich etwa 20.000 indische Bauern Selbstmord begehen, weil sie die Schulden für Saatgut und Dünger nicht aufbringen können.

Petrini predigt deshalb auch den maßvollen Genuss: Jeder hat ein Recht auf ein erfülltes Leben, damit auch auf gute Ernährung im Rahmen dessen, was die Natur uns bereit stellt. Slowfood ist auch keine elitäre Bewegung (mit immerhin schon über 100.000 Mitgliedern in 153 Ländern), die nur Auserlesenes für Reiche fordert. Im Gegenteil: Als basisdemokratische Vereinigung von bewussten Konsumenten, die in der Entschleunigung von Nahrungs-prozessen die Zukunft sehen, hat Slowfood das Zeug, eine neue Souveränität gegenüber untauglichen Machtstrukturen zu entwickeln. Das ist gelebte Nachhaltigkeit und Humanismus.

Es ist ein Buch, das nachdenklich macht. Letztlich das Plädoyer für eine neue Gesellschafts-ordnung. Wertschätzung für Mensch und Natur: Dies klingt wie blanker Hohn in den Ohren mancher Mächtigen. Gerade deshalb sei dieses Werk Politikern und Managern an’s Herz gelegt. Aber nicht als Bettlektüre, denn das könnte zu Alpträumen führen.

Ralph Bloemer, InterMopro.de

 
 
 

Buch: Terra Madre von Carlo Petrini

Quelle: Hallwag Verlag
Terra Madre


Hallwag 2011, 188 S., ISBN 978-3-8338-2296-4